+Digital Utopia
Wie schwer ist eine E-Mail?

18. Mai 2012

Diskussion zwischen Gesche Joost, Design Research Lab, und Nadin Heinich, plan A, in der Akademie der Künste Berlin, 14.5.2012Diskussion zwischen Gesche Joost, Design Research Lab, und Nadin Heinich, plan A, in der Akademie der Künste Berlin, 14.5.2012


Nadin Heinich: Das von Dir im Rahmen Deiner Stiftungsprofessur an der Universität der Künste Berlin geleitete Design Research Lab beschäftigt sich vor allem mit der Vermittlerrolle von Design zwischen technologischen Innovationen und den Bedürfnissen und Anforderungen des täglichen Lebens. Ist hier eine Vermittlung überhaupt erforderlich?

Gesche Joost: Unser Fokus liegt auf den Informations- und Kommunikationstechnologien, kurz IKT. Der Innovationsbegriff ist in diesem Bereich sehr technisch geprägt. Man bezeichnet das auch als Technology Push. Die Entwickler sind meist männlich, zwischen 25 und 35 Jahre alt und sehr technologieaffin. Von ihnen wird dann auch auf das Nutzerverhalten geschlossen, sie dienen sozusagen als ideal user. Häufig werden die späteren Anwender nur in Form einfacher Nutzbarkeitstests eingebunden, nach dem Motto: „Können Sie mit Ihrem Handy diese Jalousien hoch- und herunterfahren?“ Die Frage des Nutzerverhaltens wird mehr oder weniger „abgehakt“. Oder Nutzer werden auf der Grundlage von Algorithmen modelliert, d. h. es wird simuliert, wie ein Anwender sich verhalten würde, ohne dass ein Mensch das Produkt je tatsächlich getestet hätte. Das ist aus meiner Sicht zu wenig, um gut nutzbare, sinnvolle Produkte und Anwendungen zu entwickeln, die die Vielfalt unserer Gesellschaft widerspiegeln.

Du siehst Dich als Designerin hier also als Vermittlerin zwischen „echten“ Anwendern und technophilen Produktentwicklern?

Mir geht es um das „Dazwischen“, darum, die technologischen Entwicklungen, hinter denen meist die Industrie steht, mit dem realen Alltag von Menschen zu verbinden. Dabei sollen mit Vertretern unterschiedlicher Gruppen wie Senioren, Frauen, Familien, Teenagern oder Menschen mit Behinderungen neue Ideen für zukünftige Technologien entwickelt werden, die das Leben erleichtern und verbessern. Mir ist es wichtig, die Menschen und ihre tatsächlichen Bedürfnisse stärker einzubinden. Designer sind für mich also vor allem Vermittler. Ästhetik ist dabei nur eines der vielen Mittel zum Zweck, es geht bei uns nicht darum, Produkte „schöner“ zu machen. Im technologischen Bereich passiert so viel, deshalb finde ich es sehr wichtig, sich auch als Designer einzumischen. Ich möchte dabei weg vom reinen Produkt, zum Beispiel von der Entwicklung eines neuen Handys, sondern interessiere mich vielmehr für die Prozessgestaltung im Design und für die Interaktion mit der Gesellschaft.


Diskussion zwischen Gesche Joost, Design Research Lab, und Nadin Heinich, plan A, in der Akademie der Künste Berlin, 14.5.2012Diskussion zwischen Gesche Joost, Design Research Lab, und Nadin Heinich, plan A, in der Akademie der Künste Berlin, 14.5.2012


Wie genau ist dann die Arbeit an diesem „Dazwischen“ zu verstehen?

Das lässt sich vielleicht am besten anhand einer konkreten Fragestellung illustrieren: Welche Medien werden wir in Zukunft wie nutzen, um uns Informationen (E-Mails, Filme, Musik etc.) zugänglich zu machen, privat wie auch beruflich? Die technologische Entwicklung, die sich abzeichnet, ist das so genannte Cloud Computing, das Nutzerdaten unabhängig vom Endgerät bzw. vom Medium zur Verfügung stellt. Ganz verschiedene Nutzergruppen, zum Beispiel zu Hause die Oma, der 5-jährige Sohn und der Familienvater, können über viele verschiedene Geräte wie Fernseher, Computer oder iPad Informationen abfragen. Was bedeutet es also für die Gestaltung, wenn wir am Fernseher nicht nur Filme sehen, sondern auch E-Mails empfangen? Wie sieht so ein Gerät aus, das von ganz unterschiedlichen Nutzern bedient werden soll?

Die Frage, die wir uns als Designer aber vor allem stellen, lautet: Welche Veränderungen werden in unserem Kommunikationsverhalten durch die neuen Technologien ausgelöst? Und wollen wir das? Was, wenn der Zugang zu bestimmten Medien, bestimmte Menschen ausschließt – etwa wenn sich ein sehr teures Endgerät durchsetzt? Was passiert dann mit denjenigen, die sich dieses Gerät nicht leisten können? Das sind Fragen der sozialen Inklusion: Wir müssen erreichen, dass der Zugang zu Informationen allen möglich ist und die Benutzung so einfach und verständlich, dass niemand von vornherein ausgeschlossen wird.

Eine weitere zentrale Frage ist auch: Was wird tatsächlich „gebraucht“, etwa im so genannten Smart Home? Welche Geräte sollen wann wie vernetzt werden? Das ist zum Beispiel im Hinblick auf die Energiewende in Deutschland und das dadurch noch einmal mehr in den Fokus geratene Energiesparen interessant. Bei Smart Metering werden die tatsächliche Nutzungszeit und der tatsächliche Energieverbrauch eines Haushaltsgerätes minutengenau angezeigt. Die Waschmaschine wird dabei so gesteuert, dass sie am besten nachts läuft, weil dann die meiste Energie zur Verfügung steht und die Stromnetze am wenigsten ausgelastet sind. Wie wird das nun wiederum dem Nutzer vermittelt? Mit einer Ampel an der Waschmaschine, die auf Grün steht, wenn der Strompreis am niedrigsten ist? Hier kommen wir als Designer ins Spiel. Wir sind keine Experten für die Energieerzeugung, aber für das Bündeln und Gestalten von Informationen.

Ich habe den Eindruck, dass es zunehmend darum geht, für die immer abstraktere, digitale Welt eine neue Haptik zu entwickeln. Ein Beispiel: Früher kommunizierte man mit Briefen. Man spürte dabei die Materialität des Papiers, der Stift bewegte sich über das Papier, je mehr man schrieb, um so dicker wurde der Brief. Schreibt man heute eine E-Mail, wirken viele dieser „greifbaren“ Eigenschaften nicht mehr. Allenfalls dauert das Versenden bei einem großen Dateianhang einen Moment länger. Müssen also Designer möglicherweise die digitale Welt wieder „fühlbarer“ machen?

Ja, die Fühlbarkeit und Tastbarkeit von IKT ist für uns ein großes Thema. Wir entwickeln zum Beispiel Prototypen, die die Form, die Haptik oder den Schwerpunkt verändern, denn durch die Digitalisierung werden viele Botschaften und Informationen flüchtiger, abstrakter. Man kann diese Entwicklung anhand von drei Schritten charakterisieren: Den Anfang bildete die Command Line. Auf einem schwarzen Computerbildschirm wurden in grüner Schrift Informationen übermittelt, eine sehr abstrakte Form der Kommunikation. Der nächste Schritt waren die Desktops, die visuell funktionieren als Graphical User Interfaces. Heute beschäftigen wir uns zunehmend mit den TUIs, den Tangible User Interfaces – Benutzerschnittstellen, die anfassbar sind, die wieder eine physische Dimension haben. Zum Beispiel verzichten wir momentan bei einem E-Book auf bestimmte Erfahrungen des Lese-Erlebnisses. Wie kann man die sinnlichen Qualitäten eines richtigen Buches transferieren? Es wäre doch möglich, dass das E-Book sich an einer Seite leicht aufgebläht, wenn wir noch sehr viele Seite zu lesen haben. Es geht darum, für die verloren gegangenen „greifbaren“ Dimensionen eine neue Haptik zu entwickeln – damit man Digitales auch Begreifen, Erfassen kann.

Das Gespräch ist erschienen in der Publikation „Digital Utopia“, hrsg. von Nadin Heinich, Verlag der Akademie der Künste, Berlin, 2012.

 

Gesche Joost (geb. 1974) ist Professorin für Designforschung an der Universität der Künste Berlin und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Designtheorie und -forschung (DGTF). Zudem leitet sie seit 2005 das Design Research Lab bei den Deutsche Telekom Laboratories, Berlin. Gesche Joost wurde im Rahmen der Initiative „Deutschland – Land der Ideen“ als einer der „100 Köpfe von morgen“ ausgezeichnet und erhielt 2008 den Nachwuchswissenschaftspreis des Regierenden Bürgermeisters von Berlin. 2013 wurde sie von Peer Steinbrück in sein Kompetenzteam berufen. www.design-research-lab.org

Ein Gespräch mit Gesche Joost, Designforscherin und Leiterin des Design Research Labs, UdK Berlin. Auszug aus der plan A-Publikation „Digital Utopia“.